Der Fall "Broken Draco"

Mein neuester Fall - ein Leguanmännchen namens „Broken Draco“ - hatte schwere Infektionen an den Beinen, die angeblich durch Bisswunden entstanden. Dazu kam, dass der Leguan aus sehr schlechten Haltungsbedingungen stammt. Als ich ihn aufnahm, hatte er schon Tage lang weder Nahrung noch Wasser zu sich genommen. Natürlich die schlechtesten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Genesung. Anfassen ließ er sich auch nicht – er hatte wohl zu schlechte Erfahrungen mit uns Menschen gemacht.


Erster Tag:
Erst mal habe ich Draco in einem warmen Bad mit Rivanol gebadet. Als er mich beim Herausheben aus der Wanne beißen wollte, habe ich dem Reptil mittels einer Pipette erst mal Wasser mit Vitaminen ins Maul gespritzt. Eine Stunde später, als ich Draco in seinen Quarantäne-Behälter setzte, habe ich ihm Baby-Brei ins Maul geträufelt. Diesen hat er bei sich behalten, ein gutes Zeichen!

Zweiter Tag:
Rivanol-Bad, Baby-Brei ins Maul spritzten. Ich habe Broken Draco in die Sonne gelegt und einen Schattenplatz zum Ausweichen eingerichtet.

Dritter Tag:
Draco wird mit Rivanol gebadet. Ein kleines Wunder, er will diesmal nicht beißen und mit dem Schwanz schlagen. Dafür legt er sich gerne auf meinen Schoß. Und - ich glaube es kaum - er züngelt mich aufgeregt an. Schnell rupfe ich Klee von der Wiese auf der wir sitzen und Draco isst freiwillig!

Vierter Tag:
Er isst freiwillig (zwar wenig aber besser wie nichts), trinkt und versucht beim Baden zu flüchten. Er wird langsam frech, denke ich, und lasse ihn laufen: Er humpelt mit seinen Verletzungen über die Wiese und schaut in den Leguangarten zu den anderen Leguanen. Er ist zu schwach um weiterzulaufen. Draco lässt sich gerne hochnehmen und scheint froh zu sein, als er wieder in seinem Käfig liegt, um ein Sonnenbad zu nehmen.

Fünfter Tag:
Draco’s Wunden sehen trocken aus. Es scheint weniger Wundsekret im Vorderbein zu sein, denn es ist nicht mehr so geschwollen. Ich bade Draco in Rivanol und er ist jetzt schon fast zutraulich. Er isst heute viel Löwenzahn mit einem Kalziumpräparat.

Sechster Tag:
Heute ist Draco ganz frech. Er haut wieder ab und rennt auf drei Beinen zum Leguangarten. Dort legt sich in Sichtweite von den anderen Leguanen auf einen Stein und isst geriebene Karotten. Heute freue ich mich als ich seine Wunden bade, denn aus einer Wunde entleert sich viel eitriges Sekret. Die Wunde wird sauber. Ab jetzt kaufe ich Rivanol in Salbenform und lege Draco einen Verband an, damit das infektiöse Sekret nicht überall hintropft. Die anderen Wunden sehen jetzt auch schon besser aus.

Siebter Tag:
Ein großes Stück verkrusteter Eiter bricht an einer Stelle des Ellbogens ab, darunter sieht das Fleisch ganz sauber aus (hellrosa). Auch darauf drücke ich vorsichtig Rivanol-Salbe und mache einen Verband zum Schutz der Wunde darüber. Baby-Draco – wie ich ihn in Gedanken nenne - lässt sich ruhig behandeln. Er wehrt sich nicht mehr, er isst regelmäßig und er hat sogar abgekotet. Den Kot schicke ich in ein Diagnostik-Labor zur Untersuchung. Ich freue mich sehr über den Erfolg, den ich bei meinem Patienten sehe. Aus einem Häufchen Elend wird wieder ein Leguan. Ich denke an Grisu und Fernando, zwei meiner ehemaligen Pfleglinge, die auch wenig Changen hatten und doch gesund wurden. Draco wird es schaffen…. Heute bin ich mir zum ersten Mal ganz sicher, die Geschichte geht weiter….

Elfter Tag:
Bei Baby-Draco gibt es gesundheitlich wenig Änderung, aber er wird unheimlich Willensstark. Jetzt will er ständig zu den anderen Echsen. Da ich die Untersuchungsergebnisse aus dem Labor noch nicht habe, kann ich einen Kontakt zu den anderen Leguanen nicht wagen. Auch ist er noch zu schwach, um sich gegen eventuelle Angriffe zu wehren. Er fällt beim Laufen ständig um, weil er sein verletztes Vorderbein noch nicht gebrauchen kann.


Da er stark rachitisch ist, können seine Verletzungen - wenn überhaupt – nur schlecht ausheilen. Baby-Draco ist sehr schlau: Wenn er genug gebadet hat und von mir „verarztet“ wurde, geht er freiwillig in seinen Käfig. Dort fühlt er sich geborgen. Ich sehe es daran, dass er sich dort total entspannt. Er isst dort, trinkt und sonnt sich. Über seinen Käfig habe ich ein Insektenschutzgitter gelegt, damit keine Fliegen oder Wespen an seine Wunden heran können. Leider riechen diese sehr unangenehm und locken somit „Ungeziefer“ an. Wenn Baby-Draco im Haus ist, will er nicht mehr eingesperrt sein. Er darf dann aus seinem Käfig. Meistens legt er sich im Wohnzimmer an die Terrassentür und sonnt sich, oder er sucht sich unter einem Möbelstück einen Schlafplatz. So wie heute….


Vom zwölften Tag gibt es ein Video-Clip. Zum Abspielen bitte auf das Bild "klicken:"


Seit dem 12. Tag ist er immer zutraulicher und runder geworden, seine Verletzungen heilen sehr langsam. Innerhalb des Hauses darf er sich jetzt frei bewegen auch ohne Verband, da die Wunden mittlerweile ganz verkrustet sind. Seine Untersuchungsergebnisse waren glücklicherweise alle negativ. Er kann aber aufgrund seiner Gebrechen nicht in den Wintergarten einziehen, denn er könnte mit den großen Leguanen keine Rangordnung austragen.

Draco darf morgens und abends zu meinen beiden halbwüchsigen Leguanen in ein Terrarium und dort ausgiebig baden. Er ist ein kleiner Macho geworden und will mich am liebsten für sich alleine. Wenn ich die beiden „Halbwüchsigen“ streichle, kommt er sofort und macht dicke Backen. Broken Draco geht es zu gut und das Bürschchen ist ungewöhnlich schlau. Gestern habe ich einen Verband für sein Vorderbein auf den Tisch gelegt (den bekommt er immer noch vorbeugend, wenn er ins Freie geht), da ist er unauffällig unter einem Möbelstück verschwunden.

Er liebt es, wenn er verwöhnt wird und wehe, ich renne nicht sofort los, wenn er etwas will. Dan schaut er einen so an, dass man vor lauter schlechtem Gewissen wegsehen muss. Was habe ich mir da angetan??? Der kleine Drache hat mich voll im Griff…….aber es geht ihm gut……ich glaube zu wissen, dass er etwa so denkt.


"So gefällt es mir: Ich liege auf ihrem Arm, und schaue leicht angewidert, für den Fall, dass sie etwas klein schneidet, das ich nicht mag. Schließlich bin ich ja das Sorgenkind, man sollte mich umhertragen und mir nur das Feinste geben."


"Heute schaue ich mal etwas jämmerlich. Ätsch, ich hab’ sie voll im Griff. Die hat bestimmt nicht gesehen, dass ich heute früh beim Baden, im Terrarium, den beiden Halbstarken alles weggegessen habe. Es hat geklappt, tatsächlich wird mir mein geschuppter Nacken gekrault solange ich das Futter direkt ins Maul bekomme.

Mist, sie geht geschäftlich weg und ich werde von einem Anderen gepflegt. Sie hat versichert ich würde nicht beißen und hat vorgeführt wie lieb ich bin……. Irgendwie schaffe ich es noch, dass Sie mich überall mit hinnimmt - oder nicht mehr weg geht. Einmal hat sie - damit meine ich natürlich das Etwas das aussieht wie ein Mensch, aber mich gut behandelt – eine Reise in die Schweiz abgesagt. WEGEN MIR!!!

"Tja, wird wohl Zeit, dass ich mich mal wieder melde. Ich war in den letzten Monaten voll damit beschäftigt mir meinen Zweibeiner zurechtzubiegen. Sie hat sich von mir den ganzen Winter über total um den Finger wickeln lassen. Das heißt, nach meinem morgendlichen warmen Bad und einem frischen Frühstück durfte ich das Terrarium verlassen und auf dem Heizkörper abgammeln. Dieser heißt jetzt „Dragon’s Heizkörper“ er ist so gesichert, dass es mir nicht zu heiß wird und ich nicht herunterfallen kann. Sobald ich ein bisschen jämmerlich geschaut habe, hat sie mir alles mögliche Leckere gebracht und mir meinen Nacken gekrault. Doch, also ich hatte wirklich einen tollen Winter und jetzt bekomme ich mit den zwei Kleinen ein Außengehege. Das ist schön, ich bin mittlerweile schon voll integriert und kann seit einigen Monaten auch wieder recht gut klettern - wer hätte das gedacht? Wohl niemand - aus mir wurde ein Held (sagt sie zu mir). Allerdings muss ich zugeben, dass ich in den letzten Tagen oft geschimpft werde, dann sagt mein zweibeiniges Etwas mit finsterer Mine: „Jetzt bekommst Du gleich eine auf Deinen geschuppten Hintern!“ Ob die das wohl macht??? Nur, weil ich ein bisschen Eifersüchtig auf den kleinsten Leguan bin – „Baby“ - dass ich nicht lache! Wie kann man zu einem grüngeschuppten Reptil nur Baby sagen? Es würde mir gefallen, wenn ich Sie für mich alleine hätte!!!"


"Eigentlich heißt er Little Spike und angeblich soll er die schönsten Augen haben, die sie je gesehen hätte, grrrrr. Er bekommt alles und darf alles. Das liegt wohl daran, dass er sehr klein und schwächlich ist. Mittlerweile ist er fast 2 Jahre alt und für sein alter viel zu mickrig und das, obwohl er genau die gleiche Behandlung bekommt wie die größere Scorchina, und die ist fast doppelt so groß, bei gleichem Alter. Little Spike scheint eine Stoffwechselerkrankung zu haben. So was gibt es manchmal, wenn die Muttertiere in schlechtem Zustand waren. Also wird Little Spike wohl immer ihr „Nesthäkchen“ sein. Wenn er eine Verletzung hat, dauert es immer lange bis es wieder wird und er hat oft irgendwas. Und dann wird das verzogene Baby total verhätschelt, nein sogar angeschmachtet. Er hat wirklich besondere Augen das gebe ich zu. Diese braunen Augen scheinen golden schimmern. Trotzdem darf mein Mensch nicht vergessen, dass ich eigentlich der Wichtigste bin – ich war ja immerhin halbtot als ich in ihre Obhut kam. Aus diesem Grund muss ich den Keinen ab und an scheuchen, vor allem wenn er gerade gefüttert oder verkrault wird – tja dann beiße ich – damit man mich nicht vergisst, aber ich mach das sehr vorsichtig. Denn wenn die Kleinen im Freigehege zu mir liegen, dann mag ich das auch! So, jetzt muss ich mich wieder meinem anstrengenden Echsenleben zuwenden – das ich hoffentlich noch viele Sommer genauso haben werde. Tja – das hätte vor einem Jahr keiner geglaubt, was ich für ein Held werde!"




8 Jahre später: Er ist wirklich ein Held geworden, unser Draco!